No fun – PABUCA

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No fun ist kein bisschen lustig.

Ehrlich gesagt, hat das Thema mir sogar ein bisschen die Tränen in die Augen getrieben.

Ich quäle mich jetzt seit  über 9 Jahren mit meinem Sohn durch unser Schulsystem. Ich habe mich dabei inzwischen durch diverse Schuldschichten gearbeitet: Die Grundschullehrerin war schuld, weil sie meinen Sohn anhaltend gedemütigt hat und auch nicht davor zurückschreckte, Kinder zu schütteln. Der Schulleiter ist schuld, weil er meinen Sohn nicht die Schule wechseln ließ. Diverse Lehrer waren schuld, weil sie meinen Sohn zur Teamfähigkeit erziehen wollten, wobei er doch nur an einen Einzeltisch wollte, weil er von sich wusste, dass er sich dort besser konzentrieren kann. Der Kindsvater ist schuld, weil er sein Schulversagertum 1:1 weitergegeben hat. Ich bin schuld, weil ich mein Kind nicht besser unterstützt habe. Mein Sohn ist schuld, weil er so ein fauler Sack ist und Hilfe einfach nicht annehmen will…

Tatsache ist, dass ich ein intelligentes Kind mit überdurchschnittlicher Sozialkompetenz habe (ja… das hab ich sogar schriftlich). Trotzdem schrappt er ganz nah am Schulversager vorbei.

Er hat sich wie Bolle darauf gefreut, zur Schule gehen zu dürfen. Und nach nur wenigen Wochen kam er nur noch mit hängendem Kopf nach Hause. Mehrere Male war er nahe daran, nicht nur die Schule, sondern auch sein Leben aufgeben zu wollen. Er war nicht dazu bereit, sich anzupassen. Er wollte sich seinen eigenen Kopf nicht verbieten lassen. Jeder Tag, den er an der Schule verbringen musste, war für ihn wie Knast. Reine Lebenszeitverschwendung. Zeitweise war eine unglaubliche Wut in ihm. Eine Wut darüber, dass seine Bedürfnisse nach Autonomie, Anerkennung, Wertschätzung und Gleichwürdigkeit permanent mit Füßen getreten wurden.

Inzwischen kann ich ihn verstehen, auch wenn es mir selbst zu meiner Schulzeit ganz anders ging (ich hatte gute Gründe, warum es für mich in der Schule besser war als zuhause). Ich verstehe, unter welchem unheimlichen Druck die Kids heute stehen. Ich verstehe, dass sie oft wütend sind und (selbst)zerstörerische Dinge tun. Sie werden nach Schema ‚F‘ in Form gepresst und abgeurteilt. Es geht um die Erfüllung von Normen und die Aufzucht von Befehlsnehmern. Mich gruselt, wenn ich daran denke, dass die Erfolgreichen dieses Systems irgendwann unsere Gesellschaft führen sollen.

Ich fange heute an, unsere Welt ein bisschen zu verändern. Ich nehme mir vor, meinem Sohn meine Dankbarkeit darüber zu zeigen, wie tapfer er all die Jahre durchgehalten hat. Ihm zu sagen, wie sehr ich es schätze, dass er sich jeden Tag bemüht, zur Schule zu gehen. Dass ich weiß, dass ihn die Schulpflicht einen nahezu unmenschlichen Preis kostet. Und dass ich es würdige, dass er unter den bestehenden Umständen dort sein Bestes gibt.

Heute habe ich einen Satz an einer Säule in seiner Schule gelesen:

Bewerte deine Erfolge daran, was du aufgeben musstest, um sie zu erzielen.

Wenn die Schule diesen Satz ernst nehmen würde, müsste sie ihre Schüler jeden einzelnen Tag für ihre bloße Anwesenheit feiern.

 

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8 Gedanken zu “No fun – PABUCA

  1. Ein sehr persönlicher Beitrag und ich kann verstehen, dass dir beim Schreiben die Tränen kamen. Unser Schulsystem ist für Kinder, die nicht der Norm entsprechend ticken und deren Eltern eine Qual. Ich finde, du hast mit den Bildern eine gute Wahl getroffen, sie illustrieren den Beitrag perfekt.

    1. Danke, Conny!
      Die Tränen kamen mir weniger beim Schreiben als in der Zeit, in der ich auf den ‚Spuren der Kinder‘ rund um die Schule wanderte. Als ich dann auch noch die ‚ermutigende‘ Säule in einem verglasten Durchgang entdeckte, kam zur Traurigkeit auch noch Wut hinzu.

      Die Würde der Kinder wird im Laufe ihres Schülerdaseins so häufig verletzt. Sie werden entmutigt und fürs Unterordnen belohnt. Mich wundert es wirklich nicht, dass immer mehr Kids sich die Hucke zusaufen (die Scherbenhaufen im örtlichen Naherholungsgebiet sprechen da Bände) oder zukiffen, um die Situation nur irgendwie auszuhalten.

      Und leider gibt es hier keinerlei Kooperation zwischen Schule, Eltern und Kindern. Die Schule schiebt die Schuld den ignoranten Eltern in die Schule, die Eltern verlieren den Kontakt zu ihren Kindern, weil sie nicht selten dann mit der Schule paktieren… und die Kids fühlen sich alleingelassen. Zu recht.

  2. Die Bilder vor dem Hintergrund deiner Schilderungen wirken fast bedrohlich und unterstreichen euren „Leidensweg“. 9 Jahre sind lang. Schwierige Situation. Ich freue mich aber, dass ihr so zusammenhaltet, wenn ich das richtig verstehe. Dein Ansatz wird euch beide Atem holen lassen.
    Ich versuche immer das Wort „Schuld“ -für mich!- zu vermeiden. Es ist immer so destruktiv, es wühlt nur in der Vergangenheit. Es raubt nur Energie, ohne wirklich was zu leisten.

    1. Da gebe ich Dir Recht… ‚Schuld‘ löst nichts, sondern macht alles nur noch schwerer. In den meisten Situationen habe ich mir das Denken in Schuldzuweisungen abgewöhnen können und damit lebt es sich wesentlich leichter.

      In meinem Text zu den Bildern habe ich den Begriff ganz bewusst eingesetzt, weil es in unserem Schulsystem leider noch das gängige Modell ist. Ich habe direkt gemerkt, wie schweeeeeer sich die Sache dann wieder anfühlt.

      Wir haben uns immer bemüht zusammen zu halten. Manchmal ist uns das nicht gelungen. Dann war es schlimm für beide Seiten. Aber inzwischen bekommen wir das immer besser hin. Ich hoffe sehr, dass er seine Schultournee nicht noch weiter verlängert und wir in absehbarer Zeit feiern können, dass er da NIE wieder hingehen muss.

  3. Liebe Cynthia,
    dein Beitrag hat mich ganz stark an meine eigene Schulzeit erinnert… nach dem besten Schuljahr meines Lebens hatte ich dann umzugsbedingt 7, großteils besch****** Jahre. Aus so ziemlich denselben Gründen wie dein Sohn. Wo ich auch fast jeden Abend am Liebsten alles hingeschmissen hätte. Aber irgendwie hab ichs durchgstanden und nach der Unterstufe vom Gymnasium auf eine berufsbildende Höhere Schule gewechselt. Eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Denn die letzten 5 Jahre bis zur Matura waren wieder richtig toll. Da war ich dann endlich in der richtigen Schule. Ein bunt gemixter Haufen lieber junger Menschen, die sich ebenfalls nie verbiegen lassen wollten und wo definitiv jeder seinen eigenen Kopf hatte. Freigeister deluxe. Und was soll ich sagen, wir waren DIE Problemklasse schlechthin. Doch zugleich auch die bis dato Kreativste. Die Lehrer wussten teilweise nicht ob sie uns lieben oder hassen sollen. Letztendlich haben alle, die in der 5. dann ncoh übrig waren problemlos die Matura geschafft und die Meisten mittlerweile 1-2 Studienrichtungen abgeschlossen. Also es geht. Wenn man will. Wenn man die Kraft, Energie und den Mut hat, es durchzustehen. Ich wünsch euch von ganzem Herzen alles Gute!!!

  4. Hey Cynthia,

    Bauchschmerzen beim Gedanken da wieder hingehen zu müssen. Kummer auf dem Weg zur Schule (und bei mir dann auch der Kummer auf dem Weg nach Hause). Das alles scheint so lang her zu sein und doch ist es noch da, untergründig, weil es nicht richtig verarbeitet ist.
    Ich glaube, dass du mit deinem Sohn einen Guten Weg anstrebst, aber Schule ist nicht gleich Schule.

    Es gibt kleine Inseln, manchmal innerhalb einer schrecklichen Schule versteckt, da ist vieles anders und um so viel schöner. Ich würde mir für deinen Sohn wünschen, dass er bevor seine Schullaufbahn beendet diese Erfahrung noch mitnehmen kann. Mir hat es bewiesen: „Es lag doch nicht nur an mir.“ Solche Gedanken kommen einem doch schnell, wenn um einen herum alle funktionieren und man an manchen Tagen der oder die Einzige zu sein scheint, der oder die nicht klar kommt.

    Es ist mir zweimal in meiner Schullaufbahn passiert, das ich einen Lehrer aus der Ferne beobachtete und dachte: „Dich werde ich niemals vergessen.“ Und bisher ist das auch tatsächlich so. Die Lehrerin die für mich all das Grauen unseres Schulsystems und der Religion (ich war auf einer katholischen Schule) verkörperte, war eine Deutschlehrerin. Die beiden, die ich niemals vergessen will und an die ich auch immer wieder gern zurück denke, waren ebenfalls Deutschlehrerinnen. Die Erfahrung in einem System, in dem man dauernd strauchelte, von einem Mensch völlige Akzeptanz und Zuspruch bekommen zu haben, sogar zu wissen, dieser Mensch ist stolz auf das was ich kann und tue, hat mir mehr gegeben, als alles andere, das ich in der Schule lernte. Es hat bewiesen, das nicht ich, nicht in die Schule passe, sondern, dass das Schulsystem und wie es ausgelegt ist und ich nicht zusammen passten. Dieser Unterschied ist enorm.

  5. Das zweite Bild schafft durch die vorhandene gläserne Innenwand (oder -tür) echt ein Gefühl der Isolation… ..ähnlich dem, wie sich dein Sohn bzw. ihr gefühlt habt. Danke für deine offenen Worte.

    Ich denke, dass es schwierig ist DEN ‚Schuldigen‘ (schreibst du ja auch in deinem Kommentar zu Christian) zu finden und genauso auch ein 100%tiges System zu schaffen, da es immer auch von individuellen menschlichen Schwächen abhängig sein wird. Genauso können (oder haben in meinem Fall) aber auch individuelle menschliche Stärken dazu beitragen, einen Ort des wahren Lehrens zu schaffen. Meine Realschullehrerin (Frau Hannelore Jacob, leider viel zu früh verstorben und deshalb an dieser Stelle mal ein kleines Denkmal für sie, da sie nicht nur von mir niemals ein Feedback zu ihrem Werk bekommen hat, da man es leider erst viel, viel später erkannt hat, was sie eigentlich in einem gefördert hat) hat es geschafft mir (dem faulen, fußballbilder-tauschenden, die Türklinke-der-Klassentür-ständig-von-aussen-runterdrückenden Markus) viel mit auf meinen Weg zu geben das nicht unbedingt im Lehrplan stand. Sie hat uns aufgezeigt wie wichtig es ist unsere Individualität und persönliche, kritische Verantwortung für die Gesellschaft zu fördern. Für viele war sie ein Drachen.. ..für manche jedoch (wie gesagt leider erst viel, viel, viel später realisiert) jemand, der uns Algorithmen mitgegeben hat, die uns im Leben weitergeholfen haben.

    Es ist aber sehr gut und förderlich, das es eine Diskussion zum Thema Schulsystem gibt, da sich anscheinend doch auch in der Interaktion zwischen Schule und Eltern einiges bewegt hat. Klassenpflegschaft war zur meiner Zeit sachdienlich zu bestimmen welche Mama welchen Kuchen für das Schulfest backt. Während heute (das leider nur vom hören-sagen, da wir keine Kinder haben) es anscheinend manchmal/oft gelingt einen echten Dialog mit individuellen Zielen zu schaffen. – Es ist sehr gut anzuecken und aufzuzeigen um eine fruchtbare Diskussion zu schaffen.

  6. Sehr persönlicher Beitrag. Udn deine Fotos unterstreichen deine Worte (stark!) – Ich kann das alles gut nachvollziehen. Ich habe zwei Kinder durch das Schulsystem gebracht und kann alles nur bestätigen: Wehe du fällst aus dem „Mainstream“. Wir wollen ja gar keine Kinder, die sich abheben, Individualität und Charakter haben: Sich mit ihnen auseinanderzusetzen hieße, das System zu sprengen. –
    Aber – meine Kids haben als junge Erwachsene ihren Weg gefunden: SInd einzigartig und so gar nicht Mainstream. Nicht die Hoffnung verlieren! Durchhalten!
    Lg,
    Werner

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